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Effi Briest und ihr Wunsch nach einem japanischen Bettschirm

Ein Blick auf die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

2., überarb. und erw. Auflage, München 2019 (Januar), 190 Seiten
ISBN 978-3-86736-517-8
18,80 EUR
inkl. gesetzl. MWSt - ggfs. zzgl. Porto und Versand
 

Produktbeschreibung

Wieso träumt Effi Briest von einem Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm? Warum reagiert ihre Mutter mit auffälligem Schweigen? Der zeitgenössischen Leserschaft musste dies nicht erklärt werden. Die illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sorgten für einen gemeinsamen Bestand an Informationen und Bildern. Durch Fontanes literarisches Spiel mit diesen Wissensbeständen wurde der Roman zu einem Zeitbild.

In der hier vorliegenden vollständig überarbeiteten und erweiterten 2. Auflage des Buches werden die im Roman zu entdeckenden Hinweise auf die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts umfassend und vertieft bearbeitet, um den Blick für die Dynamik der in diesem Zeitraum ablaufenden Veränderungsprozesse - die Parallelen zu heutigen Entwicklungen aufweisen - zu schärfen.

Folgt man den scheinbar beiläufig eingestreuten Hinweisen eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten für Wanderungen durch die Medien- und Kommunikationskultur, vor deren Hintergrund die Handlung des Romans spielt. Von der Aufführung eines „Lebende Bildes“ ergeben sich Verbindungen zur „optischen Revolution“ und der dadurch ausgelösten „Bilderflut“. Von Bismarck als „Papiermüller“ führt ein direkter Weg zu dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“. Über ein von Effi zitiertes Gedicht rückt der erste Bestseller aus dem Hause Bertelsmann ins Blickfeld. Schon diese Stichworte machen deutlich, welche Einblicke in die Medien- und Kommunikationskultur sich hier eröffnen. Aufschlussreich auch, wie die Personen des Romans durch ihre Mediennutzung und ihr Kommunikationsverhalten charakterisiert werden.

Sich aus dieser Perspektive mit Fontanes Roman zu beschäftigen, ist nicht nur interessant, wenn es um die Vorgeschichte der heutigen Medien- und Kommunikationsverhältnisse geht. Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen und darauf aufmerksam machen, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Vergangenheit ist.
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Roman als Zeitbild einer Epoche
Der Roman als medialer Echoraum
Der Roman als Quelle für die Medien- und Kommunikationskultur
Effis modische Schwäche für den Orient

Über Konventionen und andere Kommunikationsbarrieren

Abende in einer Zeit ohne Telefon und Fernsehen
Der einsame Abend im Spukhaus
Allein unter Menschen – Klassenunterschiede als Kommunikationsbarrieren
Dienstbotenfrage und Frauenbewegung
Stimmungsregulierung und die Verfügbarkeit von Medien
Der Blick durch das Fenster oder die Aneignung des öffentlichen Raums
Tagträume
Duellieren statt Kommunizieren
Das Duellunwesen – Medien und Wirklichkeitswahrnehmung

Vom Guten Ton im schriftlichen Verkehr zur Demokratisierung der Schriftkultur

Briefschreiben war nicht Jedermanns Sache
Medienkompetenz im Umgang mit Brief, Postkarte und Telegramm
Die Einführung der Postkarte aus volkswirtschaftlicher Sicht

Reisen nach Anleitung – Aufmerksamkeitssteuerung durch Medien

Gefilde der Seligen
Hochzeitsreise à la Baedeker – um 1880
Passionsspiele Oberammergau als Tourismusmagnet und Medienevent
Pflichtbesuch bei einem der „bedeutendsten Bildhauer aller Zeiten“
Bad Ems – Zur Kur an der Bubenquelle

Drucktechniken und die optische Revolution

Lebende Bilder
„Zur Signatur der Gegenwart gehört die hoch gesteigerte und sich immer mehr steigernde
Bilderproduction.“
Von Fotografien und Nebelbildern
Italienische Abende
Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtsniskultur
Von Nebelbildern
Reklame und Markenartikel
Panoramen als erste optische Massenmedien
Aktiengesellschaften als Betreiber der Panoramen
Das „Panorama“ als Illusionsraum
Arbeit an nationalen Mythen im Medienverbund

Spuren der zweiten Leserevolution

Leihbibliotheken als zentrale Institution zur Vermittlung von Belletristik
Vom Lesefutter zum Medienkonsum
Niveauverlust durch das „Erzählen in Raten“?
Mit Buchpreisbindung gegen den Versandbuchhandel

Die feinen Unterschiede

Der Charakter der Bewohner lässt sich von den Wänden ablesen
Das „Naturkind“ Effi und die Musik
Die Clavierseuche als Thema der Kulturkritik im 19. Jahrhundert
Das „Naturkind“ Effi und die Literatur
Effi und die „Weiße Frau des Hauses Hohenzollern“
Wenn Effi wüsste, was Fontanes Leser wussten
Ella – eine verführerische Rolle für Effi
Statt Heine ein Zitat aus der „Kleinen Missionsharfe“
Die sehr eigenwillige Ringparabel des Baron von Güldenklee
Die Geheimrätin Zwicker – eine Dame mit Vergangenheit
und einer Vorliebe für Zola
Kantor Janke und seine nicht unproblematische Liebe zu Skandinavien

Schlussbemerkungen

„Die Gartenlaube“ und die „Moderne“
Das Ende des 19. Jahrhunderts trägt die Signatur der „Nervosität“?
Wird es „Darwin“ heute auch noch richten?


Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis