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Effi Briest und ihr Wunsch nach einem japanischen Bettschirm

Ein Blick auf die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

München 2016, 163 Seiten
ISBN 978-3-86736-367-9
16,80 EUR
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Produktbeschreibung

Wieso träumt Effi Briest von einem Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm? Den zeitgenössischen Leserinnen und Lesern musste dies nicht erklärt werden. Durch das literarische Spiel mit populären Wissensbeständen wurde Fontanes Roman zu einem „Zeitbild“. Er konnte sich dabei auf Anspielungen und verdeckte Hinweise beschränken, die sich zumindest für das Publikum der auflagenstarken illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sofort erschlossen.

Das Milieu, dem die einzelnen Personen des Romans zuzurechnen sind, ihr spezifischer Lebensstil und ihre Einstellung zum Leben werden von Fontane durch ihre Mediennutzung und ihr Kommunikationsverhalten charakterisiert. Greift man die oftmals beiläufig erscheinenden Hinweise auf, geraten strukturelle Veränderungen der Medienkultur in den Blick. Es geht dann um die durch neue Drucktechniken eingeleitete „optische Revolution“ und um die durch sie bewirkte „Bilderflut“, um die problematische Rolle der Leihbibliotheken bei der Vermittlung von Belletristik oder um einen frühen Bestseller aus dem Hause Bertelsmann.

Eine genaue Lektüre von Effi Briest verweist darauf, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen. Nicht zuletzt macht diese Lesart des Romans darauf aufmerksam, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Kommunikationsverhältnisse der Vergangenheit ist.
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Roman als Zeitbild einer Epoche
Der Roman als medialer Echoraum
Der Roman als Quelle für die Medien- und Kommunikationskultur
Effis modische Schwäche für den Orient

Ãśber Konventionen und andere Kommunikationsbarrieren

Abende in einer Zeit ohne Telefon und Fernsehen
Der einsame Abend im Spukhaus
Allein unter Menschen – Klassenunterschiede als Kommunikationsbarrieren
Dienstbotenfrage und Frauenbewegung
Stimmungsregulierung und die Verfügbarkeit von Medien
Der Blick durch das Fenster oder die Aneignung des öffentlichen Raums
Tagträume
Duellieren statt Kommunizieren
Das Duellunwesen – Medien und Wirklichkeitswahrnehmung

Vom Guten Ton im schriftlichen Verkehr zur Demokratisierung der Schriftkultur

Briefschreiben war nicht Jedermanns Sache
Medienkompetenz im Umgang mit Brief, Postkarte und Telegramm
Die Einführung der Postkarte aus volkswirtschaftlicher Sicht

Reisen nach Anleitung – Aufmerksamkeitssteuerung durch Medien

Gefilde der Seligen
Hochzeitsreise à la Baedeker – um 1880
Passionsspiele Oberammergau als Tourismusmagnet und Medienevent
Pflichtbesuch bei einem der „bedeutendsten Bildhauer aller Zeiten“
Bad Ems – Zur Kur an der Bubenquelle

Drucktechniken und die optische Revolution

Lebende Bilder
„Zur Signatur der Gegenwart gehört die hoch gesteigerte und sich immer mehr steigernde
Bilderproduction.“
Von Fotografien und Nebelbildern
Italienische Abende
Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtsniskultur
Von Nebelbildern
Reklame und Markenartikel
Panoramen als erste optische Massenmedien
Aktiengesellschaften als Betreiber der Panoramen
Das „Panorama“ als Illusionsraum
Arbeit an nationalen Mythen im Medienverbund

Spuren der zweiten Leserevolution

Leihbibliotheken als zentrale Institution zur Vermittlung von Belletristik
Vom Lesefutter zum Medienkonsum
Niveauverlust durch das „Erzählen in Raten“?
Mit Buchpreisbindung gegen den Versandbuchhandel

Die feinen Unterschiede

Der Charakter der Bewohner lässt sich von den Wänden ablesen
Das „Naturkind“ Effi und die Musik
Die Clavierseuche als Thema der Kulturkritik im 19. Jahrhundert
Das „Naturkind“ Effi und die Literatur
Effi und die „WeiÃźe Frau des Hauses Hohenzollern“
Wenn Effi wüsste, was Fontanes Leser wussten
Ella – eine verführerische Rolle für Effi
Statt Heine ein Zitat aus der „Kleinen Missionsharfe“
Die sehr eigenwillige Ringparabel des Baron von Güldenklee
Die Geheimrätin Zwicker – eine Dame mit Vergangenheit
und einer Vorliebe für Zola
Kantor Janke und seine nicht unproblematische Liebe zu Skandinavien

Schlussbemerkungen

„Die Gartenlaube“ und die „Moderne“
Das Ende des 19. Jahrhunderts trägt die Signatur der „Nervosität“?
Wird es „Darwin“ heute auch noch richten?


Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis