Kunst Medien Bildung

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Produktives Zweifeln

Theoriebildungen zu Erfahrungs- und Bildungsprozessen, ausgehend von fotografischen Bildern im Kontext postkolonialer Ambivalenzen und Hybridität

Schriftenreihe Kunst Medien Bildung
Band 25, München 2026 (April), 482 Seiten
ISBN 978-3-96848-798-4
24,80 EUR
inkl. gesetzl. MWSt - ggfs. zzgl. Porto und Versand
 

Produktbeschreibung

Vier künstlerische Positionen bilden den Ausgangspunkt dieser theoriebildenden Arbeit: Pieter Hugo (The Hyena and Other Men I & II, 2005, 2007), Nomusa Makhubu (Self-Portrait Project, 2007–2013), Guy Tillim (Jo’burg, 2004) und Santu Mofokeng (Train Churches, 1986). So unterschiedlich ihre fotografischen Ansätze und Positionierungen auch sind, verbindet die Künstler:innen ein sensibler und kritischer Blick für die Problemstellungen und Herausforderungen postkolonialer Gesellschaften. Sie setzen sich kritisch mit ihren eigenen Verstrickungen in koloniale Blickstrukturen auseinander. Die Rezeption dieser fotografischen Serien erzeugt Irritationen, wirft Fragen auf und eröffnet Räume der Uneindeutigkeit. Sie ermöglicht die Erfahrung von Ambivalenz – einem zentralen Charakteristikum postkolonialer Bildwelten.
Die Fotografien erscheinen dadurch zugleich faszinierend und unbequem. Aus kunstpädagogischer und bildungstheoretischer Perspektive besitzen sie das Potenzial, Erfahrungs- und Bildungsprozesse anzustoßen, sofern die Ambivalenz produktiv gewendet werden kann.
Die theoriebildenden Überlegungen dieser Arbeit setzen sich zum Ziel, diese Erfahrungs- und Bildungsprozesse genauer zu konzipieren und damit zentrale Aspekte einer postkolonial orientierten Kunstpädagogik herauszuarbeiten. Konzepte aus postkolonialen Theorien, wie die Hybridisierung, sowie kunstpädagogische Ansätze des Zeigens und Sehens dienen dabei als analytisches Instrumentarium, um Bedingungen und Möglichkeiten eines postkolonialen Anderssehens zu ergründen.
 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemaufriss

1.1. Eine Hinführung vom Bild aus
1.1.1. Gratwanderungen und postkoloniale Ambivalenzen
1.1.2. Postkoloniale Ambivalenzen in den Werken Pieter Hugos, Nomusa Makhubus, Guy Tillims und Santu Mofokengs
1.1.3. Theoretische und bildliche Bezugsrahmen
1.1.4. Kontextualisierung: Ambivalenzen in der Kunstpädagogik

1.2. Forschungsstand und Einsatzpunkte
1.2.1. Transkulturelle Kunstpädagogik/Kunstvermittlung
1.2.2. Verwandtschaftsverhältnisse: Post- und dekoloniale Pädagogik, rassismuskritische Bildung, postmigrantische Pädagogik

1.3. Forschungsansatz und -methoden. Zum Selbstverständnis einer theoriebildenden Arbeit
1.3.1. Theoriebildung als Perspektivierung und Hybridisierung
1.3.2. Zum Zusammenspiel von Bild/Bildern und Theorie

1.4. Gliederung und Vorgehen

1.5. Anmerkungen zum Textbild und zur Sprache


2. Bezugsrahmen Postkolonialismus

2.1. Schlüsselkonzeptionen des Postkolonialismus
2.1.1. Grundverständnis des Postkolonialismus: Von der zeitlichen zur kritischen Dimension
2.1.2. Postkolonialismus als Kraftfeld aus Macht und Wissen
2.1.3. Die Tragweite binärer Repräsentationsschemata
2.1.3.1. Die Kritik der Binarität als Form postkolonialen Widerstandes
2.1.3.2. Figuren des Dritten
2.1.4. Bedeutungsfixierung und dominante Bedeutungen
2.1.5. Globale Ambivalenzen als Schlüsselfigur
2.1.6. Die Ambivalenz durcharbeiten: Produktives Zweifeln
2.1.7. Ausblick und Synapse

2.2. Postkoloniale Konzepte in ihrer bildungstheoretischen und kunstpädagogischen Relevanz
2.2.1. Bhabha’sche postkoloniale Theorie. Impulsgeber für die Kunstpädagogik
2.2.2. Dezentriertes Subjekt und Identitätsbildung
2.2.3. Kulturverständnis
2.2.4. Übersetzung
2.2.5. Differenzverständnis
2.2.6. Verhandlung
2.2.7. Zum Handlungs- und Machtbegriff
2.2.8. Leerstelle


3. Kulturelle Hybridität

3.1. Diskurse der Hybridität
3.1.1. Das Bedeutungsspektrum der Hybridität
3.1.2. Hybridität als Resultat einer Vermischung. Zur Herausbildung einer dominanten Bedeutung des Begriffs
3.1.3. Umwertungen der Hybridität
3.1.4. Das Differenzverständnis des hybriden Vermischens
3.1.5. Vermarktung und Kommodifizierung. Die Macht des Marktes
3.1.6. Weitere Formen und Ausdifferenzierungen der Hybridität. Anschlussstellen für die folgenden Analysen
3.1.7. Zwischenfazit: Hybridität an der Schnittstelle unterschiedlicher Diskurse

3.2. Hybridisierung in der postkolonialen Theorie Homi Bhabhas
3.2.1. Hybridisierung als Zerfall des dominanten Diskurses
3.2.2. Das Neuartige und Unkenntliche
3.2.3. Creative in(ter)vention. Minoritäre Positionen und affiliative Solidaritäten
3.2.4. Bildungstheoretische Perspektiven zur Hervorbringung des Neuartigen durch die Hybridisierung / zur creative in(ter)vention

3.3. Hybridität im kunstdidaktischen und pädagogischen Diskurs (Forschungsstand)
3.3.1. Grundlegendes
3.3.2. Hybridität, Mehrfachzugehörigkeiten und Anerkennung
3.3.3. Hybridisierung dominanter Erzählungen als Aufgabe der Kunstpädagogik
3.3.4. Hybridität als analytisches Werkzeug
3.3.5. Hybridität zur Bildung neuer Kultur- und Bildungsbegriffe
3.3.6. Zwischenfazit: Hybridität als Sinnbild der Ambivalenz


4. Bildungsperspektiven

4.1. Bildung als Transformationsgeschehen in postkolonialen Kontexten
4.1.1. Grundzüge der transformatorischen Bildungstheorie

4.2. Die Erfahrung als Schnittstelle zwischen Bildungs- und Hybridisierungsprozessen
4.2.1. Weisen des Reagierens und Antwortens auf den Anspruch des ‚Fremden‘
4.2.2. Darstellung eines Erfahrungsprozesses im postkolonialen Kontext

4.3. Ein kritischer Blick auf die Erfahrung
4.3.1. Anlässe von Bildungsprozessen: Der Widerstreit als Alternative zur Erfahrung
4.3.2. Die Notwendigkeit einer qualitativen Differenzierung von (Fremdheits-)Erfahrungen
4.3.3. Exkurs: Normative Grundlagen von Bildung und Transformationsgeschehen

4.4. Notwendigkeit der Artikulation? Kritik der artikulierten Erfahrung
4.4.1. Auf dem Weg zur Kollektivität der Erfahrung

4.5. Subjektivierung in ihrer Bildungsrelevanz
4.5.1. Resignifizierungen und das Umarbeiten des Bilderrepertoires
4.5.2. Bildung als Diskurstransformation

4.6. Grenzen der kritischen Reflexivität. Von kritischem Denken zum Grenzdenken

4.7. Vom Sehen aus. Die Rolle des Sehens für die Bildung von Selbstund Weltverhältnissen
4.7.1. Modi und Praktiken des Sehens
4.7.2. Blickverfremdung/Blickstörung

4.8. Vom Zeigen aus
4.8.1. Zeigen: (kunst-)pädagogische Betrachtungen
4.8.2. Hineinrufen in Blickpositionen – Verhandeln von Sichtweisen
4.8.3. Zeigen zur Herleitung der Bildlichkeit und Medialität des Bildes


5. Sichtbarkeit, Bild/Bildlichkeit und Macht im postkolonialen Kontext

5.1. Zum Zusammenhang visueller Ordnungen und Kolonialismus

5.2. Sichtbarkeit und Anerkennung

5.3. Afrikabilder

5.4. Fragen der Macht in Bezug auf Fotografie
5.4.1. Koloniale Fotografie
5.4.2. Der paradoxale Status der Fotografie, basierend auf ihrer indexikalischen Verfasstheit
5.4.2.1. Fixieren und naturalisieren?
5.4.2.2. Überschreiten und berühren?
5.4.3. Das Dokumentarische
5.4.4. Fotografie der Post-Apartheid
5.4.4.1. Dokumentarische Praktiken der Anti-Apartheid-Fotografie
5.4.4.2. Zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie: Post-Apartheid
5.4.5. Zwischenfazit

5.5. Die Konzeption des Blickes. Blickregime und die Subjektivierung durch den fotografischen Blick
5.5.1. Blickregime, kulturelles Bilderrepertoire und das Vor-Gesehene
5.5.2. Das Posieren und der Blick der:des ‚Anderen‘
5.5.3. Blick und Subjektivierung
5.5.4. Vom unmarkierten Blick zum situierten Sehen


Teil II

6. Pieter Hugo, The Hyena and Other Men Series I & II (2005–2007)

6.1. Hinführung und Kontextualisierung der Serien
6.1.1. Heranführende Beschreibungen
6.1.2. Entstehungskontext und Hintergrund der Gadawan Kura
6.1.3. Kontextualisierung und Verortung des fotografischen Ansatzes: Zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie
6.1.4. Zur Verortung des Künstlers
6.1.5. Diskursive Rahmungen und die Ausrichtung des Blickes
6.1.6. Leitfragen

6.2. Drei Analyseschritte zu Pieter Hugos The Hyena and Other Men Series I & II
6.2.1. Afrikabilder umarbeiten
6.2.1.1. Von hybrider Wildheit, Othering-Prozessen, Selbst-Exotisierung und Verhältnissen zwischen Mensch und Tier: Ansatzpunkte (post-)kolonialer Lesarten
6.2.1.2. Auf den Punkt gebracht: Die Ambivalenz der urbanen Brache
6.2.1.3. Kipppunkte zwischen Re-Affirmation und Verschiebung (mit Homi
Bhabhas Stereotyp/Mimikry und Kerstin Brandes Ent/Fixieren)
6.2.1.4. Ein Zwischenfazit zum Hybriditätskonzept
6.2.2. Das Zeigen von und in Pieter Hugos Fotografien
6.2.2.1. Zeigehandlungen und Blickausrichtungen
6.2.2.2. Überschuss des Sehens
6.2.2.3. Exkurs: Verführung zum referenziellen Rezeptionsmodus
6.2.2.4. Besonderheiten des Zeigens mit fotografischen Bildern
6.2.2.5. Ein Zwischenfazit zum Zeigen
6.2.3. Die Bildlichkeit von Pieter Hugos Fotografien und begleitende Erfahrungsprozesse
6.2.3.1. Anspielungen auf Bilder und Öffnung des Bildlichen
6.2.3.2. Die Öffnung einer anderen Zukunft
6.2.3.3. Von der beunruhigenden Erfahrung zur Umbildung einer Blickposition
6.2.3.4. Uneindeutigkeit: unausweichlich und doch lebbar


7. Nomusa Makhubu, Self-Portrait Project (2007–2013)

7.1. Hinführung und Kontextualisierung der Serie
7.1.1. Self-Portrait Project (2007–2013). Entstehungskontext und forschende
Herangehensweise
7.1.2. Heranführende Beschreibungen
7.1.3. Fragen und Verbindungslinien. Anschluss an frühere Kapitel

7.2. Hineintreten, versetzen, verschatten, verdoppeln, verweben. Analyseteil
zu Nomusa Makhubus Self-Portrait Project
7.2.1. Selektive Eingriffe – machtvolle Ausrichtungen. Ethnographische
Fotografie als Grundlage von Makhubus Self-Portrait Project
7.2.2. Gaze, screen und look in Makhubus Self-Portrait Project
7.2.3. Blickgemenge
7.2.4. Die Pose auflösen und versetzen
7.2.5. Verschattung der Transparenz – Recht auf Opazität
7.2.6. Zwischenfazit: Zum unbehaglichen Status von Makhubus creative in(ter)vention
7.2.7. Modalitäten des Zeigens: Das Zeigen reflektieren, das Zeigen stören
7.2.8. Mediale Reflexivität bei Makhubu

7.3. Exkurs: Santu Mofokeng – Train Churches (1986)
7.3.1. Der Riss im Bezeichneten
7.3.2. Erfahrungsprozesse durch Mofokengs Bilder und die Reflexion des situierten Sehens

7.4. Exkurs: Guy Tillim, Jo’burg (2004)
7.4.1. Blickregie trotz fragmentarischer Heterogenität
7.4.2. Forschungsstand
7.4.3. Fenster und Scheiben
7.4.4. Herausbilden und Absinken des Sichtbaren
7.4.5. Licht und blendende Flecken
7.4.6. Blind spots: Vom blinden Feld des Punctum


8. Fazit und Ausblick

8.1. Anderszeigen – postkolonial gewendet

8.2. Produktiv zweifeln: Zur Unentscheidbarkeit von Bildungsprozessen


9. Anhang

9.1. Abbildungsverzeichnis
9.1.1. Abbildungen zu den Analysen von Pieter Hugos Arbeiten
9.1.2. Abbildungen zu den Analysen von Nomusa Makhubus Arbeiten
9.1.3. Abbildungen zu den Analysen von Santu Mofokengs Arbeiten
9.1.4. Abbildungen zu den Analysen von Guy Tillims Arbeiten

9.2. Bibliographie