Kontext Kunstpädagogik

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Kunstkommunikation mit der »Bronzefrau Nr. 6«

Qualitativ empirische Unterrichtsforschung zum Sprechen über zeitgenössische Kunst am Beispiel einer Plastik von Thomas Schütte

vol. 37, München 2013, 404 S.
ISBN 978-3-86736-137-8
22,80 EUR
inkl. gesetzl. MWSt - ggfs. zzgl. Porto und Versand
 

Produktbeschreibung

Wie lässt sich die gemeinsame Kommunikation mit und über ein Kunstwerk charakterisieren?
»Wenn jeder einzelne irgendwie was eingebracht hat, was er jetzt so sieht, zum Beispiel diesen Vogelkopf oder Wolfskopf sieht, dann verändert sich eben auch die Ansicht des Anderen [...].« So eine erste Antwort eines jugendlichen Kunstbetrachters.
Kunst- und Bildbetrachtungen wurden bislang primär als Einzelsituationen konzeptualisiert: Als würden Betrachter immer einsam und isoliert vor einem Werk verharren. Richtung und Verteilung unserer Aufmerksamkeit wechseln aber oft launisch, je nach Situation.
Anhand exemplarischer Fallanalysen wird ein heuristisches Modell der Kommunikation über Kunst und Bilder entworfen. Zentrale Elemente dieses Modells sind
• sprachliche Merkmale des beginnenden und des zeitlich fortgeschrittenen Kunstgesprächs,
• Besonderheiten des Ablaufs der Kunstkommunikation in der Gruppe,
• eine Skizze der Vielfalt möglicher Aufmerksamkeitsrichtungen der Betrachter,
• ein heuristischer Vorschlag zur Typenbildung exemplarischer Betrachtermentalitäten.
Anschaulich wird der Ablauf von Kunstkommunikation durch Fotosequenzen, die im Rahmen der Studie aufgenommen wurden. Solche Fotostrecken als empirisches Untersuchungsmaterial fruchtbar zu machen, ist ein überraschend neuartiger Ansatz.
Am Schluss werden zentrale Aussagen im Lichte wahrnehmungspsychologischer Erkenntnisse erläutert.
Hier nimmt kunstpädagogische Unterrichtsforschung Grundlegendes der Kunstwahrnehmung in den Blick. Deshalb richtet sich die Untersuchung an alle, die mit der Vermittlung von Kunst und Bildern zu tun haben.

Endlich ist wissenschaftlich fundiert belegt, dass kommunikative Rezeptionssituationen im Kunstunterricht nicht ausschlieÃźlich das Verstehen einer einzigen Deutung zum Ziel haben, sondern Vorzüge, wie beispielsweise eine besondere Intensität der Kommunikation, ausspielen können! Grütjens Aussagen werden von einer breiten empirischen Datenbasis gestützt, wie Protokollen teilnehmender Beobachtungen, Schülerbefragungen zum erlebten Unterricht und Fotoserien, die einzelne Schüler vom Unterrichtsgeschehen anfertigten. Die Publikation zeichnet sich neben der fachlichen Tiefe durch eine extrem präzise Sprache aus, die aufgrund der sehr gut gewählten Metaphern, Schaubilder und erklärenden Beispiele stets anschaulich bleibt und den Leser regelrecht für das Thema begeistert.
Thomas Michl, K+U 2014

Grütjen betont dieses Miteinander [der Kunstrezeption] und zeigt fundiert und anschaulich, dass im Miteinander etwas entsteht und diese gemeinsame Situation das Sehen verändert. Wer sich grundlegend mit Kunstrezeption beschäftigt, kann auf diesem Buch sicher aufbauen; wer in der pädagogischen Praxis Kunstrezeption betreibt, findet darin fundierte und praktische Hilfestellung.
Fabian Hofmann, BDK NRW Rundbrief Herbst 2013
 

Inhaltsverzeichnis

1 Problembereich: Grundlegende Fragen und Ziele der Arbeit

2 Forschungsstand

2.1 Kunstpädagogik und zeitgenössische Kunst
2.2 Kunstpädagogische Positionen und Forschungen zum Umgang mit Gegenwartskunst in der Schule
2.3 Weitere Praxisliteratur
2.4 Der Umgang mit Bildern: Bildpragmatik
2.5 Der Umgang mit Bildern: Performativität
2.6 Ästhetische Erfahrung und Rezeptionsästhetik
2.7 Aneignung

3 Untersuchungskonzeption: qualitativ empirische Unterrichtsforschung

3.1 Merkmale qualitativ empirischer Forschung: Modellentwicklung anstatt Wirklichkeitsabbildung
3.1.1 Qualitative (im Vergleich zu quantitative) empirische Forschung
3.1.2 Gegenstandsangemessene Methodenwahl: Komplexität der Prozessverläufe von Kunstrezeption
3.1.3 Explizites und implizites (Handlungs-)Wissen der Akteure
3.1.4 Nicht Messung, sondern Rekonstruktion als Mittel zur Theorieerzeugung
3.2 Datenerhebung
3.2.1 Die Werkauswahl: »Bronzefrau Nr. 6« von Thomas Schütte
3.2.2 Auswahl der Lerngruppen und der Erhebungsmethoden
3.3 Datenauswertung: phänomenologisch orientierte Rekonstruktion von Textdokumenten
3.4 Datenauswertung: methodische Probleme der Rekonstruktion von Fotodokumenten
3.4.1 Fotografien und die Form ihrer Verknüpfung als narrative Sequenzen rekonstruieren
 3.4.2 Aspekte der Analyse von Fotosequenzen
3.5 Geltungsanspruch der Untersuchung

4 Fallstudie vom 29.9.

4.1 Rekonstruktion der Fotosequenz der Schülerin Cosima
4.1.1 Erster Materialdurchgang: Cosimas fotografische Positionierung
4.1.2 Typische Fotoabfolgen: Cosimas pendelnder Radarblick
4.1.3 Kunstrezeption erzeugt Wahrnehmungsgemeinschaften
4.1.4 Das siebte Bild als Ausnahmefoto
4.1.5 Die Wahrnehmung der räumlich-technischen Infrastruktur der Rezeptionssituation
4.1.6 Performativität in Rezeptionssituationen
4.1.7 Unterdrückung und Fragmentierung konkret anwesender Leiblichkeit
4.1.8 Das Soziale zieht in die Körperwahrnehmung ein: Verschränkung von Bild- und Betrachterraum
4.1.9 Präsenz in der Abwesenheit
4.2 Rekonstruktion des Interviews mit der Fotografin Cosima
4.2.1 Erster Materialdurchgang
4.2.2 Die Eingangssequenz: Einverständniserklärung, argumentativer Darstellungsmodus, »da«-Wendungen
4.2.3 Die Eingangssequenz: knappe ÄuÃźerungen mit geringem Anspruch auf Geltung
4.2.4 Der Umgang mit Bildern in der Gruppe: Kunstwerke als Ausdruck von Gefühlen und das Disputieren darüber, welche genau
4.2.5 Cosimas Fotoerläuterungen: erst emotional unklare Bezugnahmen, dann distanzierter und expliziter
4.3 Rekonstruktion des Unterrichtsgesprächs
4.3.1 Erster Materialdurchgang
4.3.2 Der Beginn der Rezeptionskommunikation: Ninas fünf Anläufe
4.3.3 Performativität: Formierung einer Rezeptionsgemeinschaft durch Angleichung
4.3.4 Akkumulation, Verdichtung und Bedeutungserweiterung in der gemeinsamen Kunstkommunikation
4.3.5 Zwei Rezeptionsmodi: Suche nach existenziellen Sinnbezügen und möglichst nachvollziehbare Argumentation am Kunstwerk
4.3.6 Bedeutungsbildung in der Gruppe: Steigerungen durch Bestätigungen, Variationen, Verdichtungen, Prüfungen oder Abgrenzungen
4.4 Rekonstruktion des Interviews mit Tina und Lutz
4.4.1 Erster Materialdurchgang
4.4.2 Tinas Anfang: Vielansichtigkeit ermöglicht intensive Erfahrungen
4.4.3 Kunstwahrnehmung als sukzessiver Prozess: »Schritt für Schritt«
4.4.4 Die Wegmetapher: Kunstbetrachtung als Reise
4.4.5 Zwei Diskursformen: Fachsprachlichkeit vs. Anknüpfung an Persönliches
4.4.6 Bild- und Kunstaneignung in einer sprachlich exklusiv verfeinerten Salonkultur als Verknüpfungsprozess mit kulturellen Erfahrungen
4.4.7 Vorteile der Fachsprachlichkeit als Modus des Umgangs mit Kunst
4.4.8 Tinas Sprache der emotionalen Betroffenheit
4.4.9 Ästhetische Erfahrung: sprachliche Indikatoren bei Schilderungen?
4.5 Rekonstruktion des Interviews mit Cosima und Ken
4.5.1 Erster Materialdurchgang
4.5.2 Cosimas Eingangssequenz: Der Ablauf einer Bildanalyse »so wie immer«
4.5.3 Einbettung in Kontexten: Rezeption als Weg durch die Epochen
4.5.4 Das Erleben des Rezeptionsbeginns: »je weiter wir uns um die Figur rumbewegt haben« (Abfolgemodelle)
4.5.5 Anschlusskommunikation als Indikator für ästhetische Erfahrung: »bei den Favoriten gespeichert«
4.5.6 Unterricht als Kampfort zur Durchsetzung von Bewertungs- und Deutungsmustern

5 Zusammenfassende Auswertung

5.1 Heuristische Skizze eines Ablaufmodells der Kunstrezeption in der Gruppe
5.1.1 Der eine Gemeinschaft stiftende Charakter der Rezeption in der Gruppe
5.1.2 Anfangs-, Mittel- und Endphasen der Rezeption
5.1.3 Bildung einer Rezeptionsgemeinschaft durch Werkpräsentation
5.1.4 Erleben der Gemeinsamkeit des Rezeptionsbeginns als auslösender Antrieb
5.1.5 Antrieb für (Aneignungs-)Aktivitäten: Wunsch nach sozialer Teilhabe
5.1.6 Bedeutungsbildung in pendelnden Aktivitäten zwischen Kunstwerk und Kontext
5.1.7 Phasen der teilweisen Angleichung und Synchronisation der Beteiligten
5.1.8 Steigerungen als Ablaufstruktur
5.1.9 Kommunikative oder persönliche Erfahrungsintensität durch (Neu-)Impulse
5.1.10 Ende der temporären Rezeptionsgemeinschaft und fakultativ einzelne Anschlussaktivitäten
5.2 Charakteristik der Sprache der Kunstkommunikation
5.2.1 Merkmale der beginnenden und der fortgeschrittenen Kunstkommunikation in der Gruppe
5.2.2 Kennzeichnende Sprechhandlungen der Kommunikation über Kunst
5.2.3 Merkmale des (un-)sicheren sprachlichen Umgangs mit Kunstwerken
5.3 Heuristisches Modell kommunikativer Verhaltensorientierungen von Schülern beim Umgang mit Kunst in der Unterrichtsgruppe
5.3.1 Erste Elementarkategorie: fachliche Kompetenz
5.3.2 Zweite Elementarkategorie: sprachliche Kompetenz
5.3.3 Dritte Elementarkategorie: Fakten- oder Prozessorientierung
5.3.4 Vierte Elementarkategorie: Gruppen- oder Individualorientierung
5.3.5 Fünfte Elementarkategorie: Autoritäts- oder Subversionsorientierung
5.3.6 Sechste Elementarkategorie: funktionales Interesse oder ästhetische Aufmerksamkeit
5.3.7 Fazit: Auffallend heterogene Aufmerksamkeits- und Verhaltensorientierungen bei der Rezeption
5.4 Fünf Skizzen von musterhaften Rezeptionscharakteren
5.4.1 Der funktional Fachliche: LUTZ LEISTUNGSTRÄGER
5.4.2 Die sich Sorgende: NINA BESCHREIBER
5.4.3 Die künstlerisch Interessierte: TINA FASZINIERT
5.4.4 Die Kontaktfreudige: LEA COOL
5.4.5 Der Beobachter: ANSGAR SCHLÄFER

6 Aufmerksamkeit und Sehen als kulturelle Praxis

6.1 Komplexität von Sehen und Wahrnehmung
6.2 Visuelle Sinnesdaten: im Verarbeitungsprozess nicht isolierbar von anderen Wahrnehmungsdaten
6.3 Verarbeitungsprozess der Sinnesdaten: nicht zentral lokalisierbar
6.4 Aufmerksamkeit: Steuerung ohne Zentrum
6.5 Aufmerksamkeit: labil, um leistungsfähig zu sein
6.6 Aufmerksamkeit: Lenkung bewusst herbeigeführt oder unbewusst gesteuert?
6.7 Aufmerksamkeit ist selektiv: nicht gleichmäÃźiges Abtasten, sondern Zonen verstärkter Konzentration
6.8 Aufmerksamkeit: Ausrichtung durch Erinnerungen, mentale Konzepte, Begriffe und Erwartungen
6.9 Aufmerksamkeit: nicht neutral, sondern emotional wertend und subjektgebunden
6.10 Unterschiedliche Aufmerksamkeitsmodi: Heterogenität
6.11 Unterschiedliche Aufmerksamkeitsmodi: beim Blick auf Kunst
6.12 Aufmerksamkeitsanregung des Betrachters durch Kunstwerke
6.13 Auswahl der Wahrnehmungsdaten nach situativer Handlungsrelevanz
6.14 Bedeutung: was Betrachter in Situationen als handlungsrelevant bewerten
6.15 Schulung der Aufmerksamkeit zur Verbesserung der Handlungsfähigkeit
6.16 Sehen als Handlung und erlernte kulturelle Praxis
6.17 Bild- und Kunstrezeption schafft Gemeinschaft

Literatur
(Weiterführende) Literatur zu Thomas Schütte und der »Bronzefrau Nr. 6«
Anhang
Abbildungsverzeichnis