Zeitschrift merz | Einzelhefte

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Produktbeschreibung

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ musste ich mir bei einer Kontrolle meiner Jackett-Taschen von einer DDR-Grenzbeamtin am Ãśbergang Bahnhof FriedrichstraÃźe sagen lassen, als sie in sehr persönlichen Papieren, die sie gefunden hatte, zu lesen begann. Obwohl der Vorfall schon in den frühen 70ern stattfand, ist er mir wegen der peinlichen Situation, in die ich dadurch geraten bin, bis heute unvergessen - und ich habe eine Aversion gegen diese Kontroll-Parole entwickelt.
Diese Abneigung mag aber auch damit zusammenhängen, dass dieser Spruch zwei Dimensionen in einen Zusammenhang bringt, die so nicht miteinander verbunden werden können. Wenn ich jemandem Vertrauen schenke, dann ist das ein sehr intimer Vorgang, der auf der Kenntnis beruht, die ich mir von diesem Jemand gemacht habe. Entweder bin ich durch Ãśberlegungen dazu gekommen, im Gegenüber eine Person meiner Zuwendung zu erkennen oder mein Gefühl wurde von so viel persönlicher Zuneigung erfasst, das ich nur dieser Person dieses Vertrauen gewähren möchte.
Und Kontrolle? Die hat eine andere Ebene, die hat mit der des Vertrauens nichts gemeinsam. Kontrolle ist ein rein rationaler Vorgang, der für Verfahren legitim ist, wie sie z.B. beim Prüfen von Produkten, von kameralistischen Nachweisen, oder für das Einhalten von Gesetzen angewandt werden.
Bei einer „Herman & Tietjen“-Talkshow auf N 3 Ende Januar hat der Kabarettist Matthias Beltz sich über die Parteispendenaffäre ausgelassen und seine Genugtuung geäuÃźert, dass endlich dieses Kartenhaus der Lüge zusammengebrochen ist, weil die Politiker immer Vertrauen von den Wählern einfordern, obwohl doch in diesem unpersönlichen politischen Geschehen, in dem es auch um Macht geht, nur Kontrolle an der Tagesordnung sein dürfte.
Im Verhältnis von Wähler zu Politiker und umgekehrt kann Vertrauen als Kommunikationsform nur unpolitisches Verhalten zeitigen, denn Aufgaben und Taten der Volksvertreter sind doch anonyme GröÃźen, die nur mit unpersönlicher Analyse bewertet werden können. Das ändert nichts an der Verantwortlichkeit, mit der diese ihre Entscheidungen zu tragen haben. Und von der Wählerin, vom Wähler ist zu fordern, wenn sie denn selbstbewusst agieren wollen, dass sie daher rational ihre Wahl treffen und nicht aus Vertrauensseligkeit - wie das Wort schon treffend einen Zustand bezeichnet.
Erwin Schaar
 

Inhaltsverzeichnis

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> Diskussionsrunde: Ethik und Kompetenz - Perspektiven der Mediengesellschaft
> Hans Schiefele und Helga Theunert: Leben mit Medien

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> Andreas Hedrich: 30. Internationales Forum des jungen Films
> Interview mit dem „Magnolia“-Regisseur Paul Thomas Anderson
> Margret Köhler: Die 50. Berlinale im Jahr 2000
> Markus Achatz: Das Kinderfilmfest der Berlinale
> Michael Bloech: Mit Vollgas auf dem Datenhighway
> Reinhard Kleber: Ãśberall Gewalt und Zynismus
> Tilmann P. Gangloff: Geld für dein Leben
> Wolfgang J. Fuchs: Das Phänomen „Harry Potter“

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> Lutz Hachmeister, Günther Rager (Hrsg.): Wer beherrscht die Medien? Die 50 gröÃźten Medienkonzerne der Welt
> Martin Büsser: Popmusik / Karl Bruckmaier: Soundcheck / Ralf Niemczyk, Torsten Schmidt: From Skratch
> Mary Ellen Mark: Amerikanische Odyssee 1963 - 1999
> Norbert NeuÃź (Hrsg.): Ästhetik der Kinder
> Patrick Donges, Otfried Jarren, Heribert Schatz (Hrsg.): Globalisierung der Medien? Medienpolitik in der Informationsgesellschaft

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> Herbert Riehl-Heyse: Mensch – Medien – Zukunft