Zeitschrift merz | Einzelhefte

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Produktbeschreibung

Was für die (Aus)Bildung in der Schule als notwendig erachtet wird, darüber geben die Lehrpläne Aufschluss. Sie sind das Werk der in die Zukunft Blickenden, der die Vergangenheit Reflektierenden, aber auch der Lobbyisten, die Anspruch auf die Vermittlung des von ihnen vertretenen Bereichs erheben, als sei die Erziehung vorrangig ihr Metier. Letztere können wir immer dann kennen lernen, wenn Geld, Wirtschaft, Erfolg - oder in der Reihenfolge andersrum - im Spiel sind.
In einem kleinen Interview im regionalen Teil der SZ (23. August) meinte der Leiter der Abteilung Berufliche Bildung der Industrie- und Handelskammer, Franz Schropp, die Schule „muss ohnehin künftig mehr Wirtschaft, mehr Informatik anbieten - übergreifend in vielen Fächern. Das heiÃźt, auch der Englischunterricht sollte sich mehr auf die alltägliche Anwendung der Sprache beziehen“. Die SZ fragte nach: „Indem die Lehrer Gebrauchsanweisungen lesen lassen statt Romane?“. Schropp: „Ganz genau“.
Hat die Schule die Aufgabe, die künftig im Beruf ihr Leben Ableistenden als Bildungsziel vor Augen zu haben und danach zu handeln? Welche Dimensionen eines Menschenlebens gibt derjenige vor, der dem Verständnis der Sprache von Gebrauchsanweisungen den Vorrang vor der Kreativität, der Ästhetik, der Vermittlung von Lebensformen einräumt? Dem Nachdenken lernen, Träume der eigenen Existenz zu denken wagen so wenig wert sind, dass nur der zukünftige Gebrauchswert des Einzelnen in Erwägung zu ziehen ist? Brauchen wir zukünftig den Markt der modernen Sklaven, die geistige Arbeit in engen Grenzen zu verrichten haben, damit sie den Herren der Organisation mit eigenen Gedanken nicht in die Quere kommen? Brauchen wir „Big Brother“-Automaten, die englische Gebrauchsanleitungen gut lesen können? Natürlich informatik-firm, laptop-geschult. Ob da nicht sehr bald die kleingeistigen Erkenntnisse der so laut tönend die Zukunft Beschwörenden in sich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus?
Es gibt z.B. Erkenntnisse über den Zusammenhang von Intelligenzförderung und Musikunterricht. Deren weitere Erforschung kann schon deshalb nicht interessieren, weil nicht unmittelbar Cash die Folge ist.
Und wenn Herr Schropp sich durchsetzt, kann man mit ihm nur hoffen, dass die in der Schule zu lesenden Gebrauchsanweisungen von Kundigen in ihrer Mutter-/Vatersprache geschrieben sind. Sonst lernen wir diese Minimalsprache auch noch mit den absurden Wendungen der Anleitungen, wie sie den Artikeln der Wirtschaft beiliegen.
Erwin Schaar
 

Inhaltsverzeichnis

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> Ida Pöttinger: Wieviel Körper braucht der Mensch?
> Manfred Fassler: Erzählungen - rund um die Welt

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> Erwin Schaar: Bilder für Kinder?
> Friederike Siller: Chicks at Speed: Mädchen im World Wide Web
> Tilmann P. Gangloff: Bei den Gesetzen blickt keiner mehr durch
> Tilmann P. Gangloff: Detaillierte Analyse belegt: „Big Brother“ war inszeniert

publikationen >>
> Claudia Mast: Programmpolitik zwischen Markt und Moral
> Diedrich Diederichsen: 2000 Schallplatten 1979 - 1999
> Fernando Moleres: Gestohlene Kindheit.
> Wendy Ewald: Geheime Spiele - Gemeinschaftsprojekte mit Kindern 1969 – 1999

kolumne >>
> Hans-Dieter Kübler: Medienbildung: Erlösung vom Erziehungsauftrag?